KONSTANTIN BAYER - in Solo

CHINA  RESTAURANT | Konstantin Bayer - in Solo | Wenn sich die Galerie Eigenheim in ihren Ausstellungen mit chinesischen Dingen beschäftigt verwundert das nicht übermäßig. Aber was ist, wenn die Galerie Eigenheim die Räumlichkeiten in der Karl-Liebknecht-Straße in Weimar räumt und an ihrer Stelle ein China Restaurant eröffnet? – Irritierend – irgendwie passend, aber trotzdem schade….Die gute Nachricht: Die Galerie Eigenheim bleibt vorerst, wo sie herkommt und thematisiert in einer nächsten Ausstellung kulturelle Stadtentwicklung, die eigene Weitereintwicklung am Standort Weimar, den Gedanken des Fernwehs und frönt ganz eindeutig der chinesischen Ästhetik. In einer Solo-Ausstellung präsentiert uns Konstantin Bayer eine Rauminstallation fernöstlicher Art, die zudem die Illusion einer Begegnungsstätte vernab einer Galerie, eines eindeutigen Kunstraumes, vermittelt. Nicht die Galerie Eigenheim empfängt – ein Chinesisches Restaurant. Die künstlerische Entwicklung Konstantin Bayers führt aufgrund früh biographischer Ereignisse als Wende-Aufgewachsener und dem jüngeren Bezug zur Kultur Chinas unweigerlich immer den Diskurs der Identifikation. Nicht das Suchen, das Finden wird dabei thematisiert.

Objekte und Materialien die offenkundig über eine eigene Identität verfügen werden inszeniert, werden im Readymade symbolisch arrangiert, werden gesammelt und konserviert, letzteres gerne in Beton und Bitumen. Die Frage nach Identität stellt Bayer nun als poetisches Gleichnis in die Räumlichkeit der Karl-Liebknecht-Str.10. Das entstandene Gesamtkunstwerk geht über den Begriff der Installation hinaus, und sollte im Sinne des Künstlers als Environment-Art verstanden sein. Schließlich führt es uns aufs Glatteis einer scheinbaren Realität und stellt gleichermaßen Fragen im Kulturellen und Künstlerischen, sowie im Kontext der Gentrifikation.

Dazu ein Text von Christian Finger: Anfang April 2012 verschwindet der eigentümliche Schriftzug über den Schaufenstern der Galerie Eigenheim. Die großen Fenster sind gänzlich mit alten Zeitungen verhangen, die zahlreichen Passanten der viel frequentierten Karl-Liebknecht-Straße in der Innenstadt Weimars konnten nicht ahnen, was bis zum zwölften April aus den Räumen der Galerie, die hier nun seit beinahe sechs Jahren ansässig ist, entstehen sollte. An diesem Abend eröffnet an ihrer Stelle ein chinesisches Restaurant. Die Schaufenster sind mit mutmaßlich fernöstlichen Ornamenten und Schriftzeichen verziert, darüber prangt der Schriftzug CHINA RESTAURANT. Innen beleuchten typische chinesische Laternen, Esstische und anderes Inventar. Chinesische Musik wabert durch die von Friteusenfett geschwängerte Luft. Leute sitzen an den Tischen und essen mit Stäbchen Nudelgerichte. Über allem schwebt eine mächtige Kassettendecke, behangen mit reichverzierten Lampen. An der Theke werden Reisschnaps und Pflaumenwein angeboten, aber auch die üppige Auswahl von etwa 30 verschiedenen Instant-Nudelgerichten. Das ist kein Feinschmeckerladen, aber offensichtlich wird es dem an den Schaufensterscheiben prangendem Slogan gerecht – ESSEN.TRINKEN.VERWEILEN.

Tatsächlich scheinen die Tage der Galerie Eigenheim gezählt zu sein. Statt Kunst nun Küche? So ganz wurde der Galeriebetrieb nicht verworfen – die Fertiggerichte wurden von einem Künstler signiert und nummeriert, und damit zu Kunstwerken erhoben. Und so klärt sich das irritierende Szenario auf. Der lebendige Galerieverein musste nicht aus seinen Räumlichkeiten weichen, wie man im Vorfeld gerüchteweise vernehmen konnte. Man befindet sich also in einem Gesamtkunstwerk, aber einmal vom überreichen und typisch chinesisch scheinenden Inventar getäuscht, fällt es schwer sich dies als Kunstbetrieb vorzustellen. Schließlich funktioniert das Kunstwerk zu gut. Gäste kommen, essen, trinken und verweilen. Durch den Gastverkehr wird Bayers Installation ein belebtes Kunstwerk. Der Künstler selbst verleiht dem Ganzen zusätzlich einen performativen Charakter, indem er mit Perücke und chinesischem Mantel den Wirt mimt.
So geheim wie möglich, hat der Künstler Konstantin Bayer Objekte gesammelt, um seine Version eines chinesischen Restaurants so authentisch wie möglich entstehen zu lassen. Die wuchtige Kassettendecke und jene dazu passenden Lampengehäuse, Vorhänge aus Glasperlen mit asiatischen Motiven und vieles mehr, erwarb der Künstler per Internet von einem chinesischen Gastwirt aus Höxter, der nach 30 Jahren sein Restaurant wegen gestiegener Mieten schließen musste. Die mit einem Leuchtschlauch umrandete Menütafel, Tische und Bestuhlung im Zweiten der Gasträume, sowie die Theke und Plakate, kommen aus einem ehemaligen Asia-Schnellimbiss in der Nachbarschaft der Galerie. Dieser war schon seit einem Jahr geschlossen, bevor dessen Inventar in den Galerieräumen Teil eines Gesamtkunstwerks wurde. Muss man Chinese sein, um ein Chinesisches Restaurant zu eröffnen? Wenn man nach Bayers Experiment schlussfolgert nicht unbedingt. Man muss geschickt mit Klischees und Stereotypen umgehen, das heißt, die Erwartungen des Betrachters erfüllen. Auch wenn man niemals die Volksrepublik China besucht hat, wird der Besucher das Restaurant als typisch chinesisch klassifizieren. So drängt sich die Frage auf, welche kulturelle Identität sich in diesen Räumen durchgesetzt hat – tatsächlich die chinesische, oder doch nur ihr Echo, daher die durch eine bestimmte Erwartung gefärbte Sicht eines Europäers? Die Galerieräume wurden durch Tische, Stühle und Theke in ein Gastronomieraum verwandelt, durch das Zutun der fernöstlichen Elemente, werden sie als ein chinesisches Restaurant wahrgenommen. Erst Ornamentik und Dekorum manifestieren kulturelle Identität, es sind lediglich Oberflächlichkeiten, die kulturelle Differenzen provozieren. Hat man diese Oberfläche durchschaut, wird man auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Kulturen - Essen Trinken und Verweilen verwiesen. So mancher Gast hätte niemals vor gehabt eine Kunstgalerie betreten, die Reaktionen auf die Aktion gehen daher auch auseinander. Sie reichen von völligem Unverständnis, über Amüsement bis hin zu gerechtfertigen Diskursen über die Gentrifizierung der Innenstadt Weimars. Vier Wochen lang ersetzte das Restaurant die Galerie Eigenheim und bot die Möglichkeit ein China - Made in Germany zu erfahren. Das Gesamtkunstwerk ist mehr als nur eine Kulisse, wie viele Werke des Künstlers, wirkt es wie der Versuchsaufbau eines Experiments. Mit dem Hintergrund der bedrohten Weiterexistenz der Galerie in den Räumlichkeiten der Karl-Liebknecht-Straße 10 und der urbanen Entwicklung in der direkten Nachbarschaft, kann man Bayers Aktion als lokal spezifisches Statement zur Gentrifizierung betrachte.